Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft (Pädagogik 7/8 2001)

Ein Projekt der IHK Berlin stellt sich vor

Zwei Welten gehen aufeinander zu

„Die Schule darf nicht wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unterworfen werden“ – dieser Satz hat lange Zeit als pädagogisches Leitmotiv gegolten und gilt für viele immer noch. Die verständliche Befürchtung vieler Pädagogen und Bildungspolitiker, dass eine Orientierung an einseitigen Interessen von Wirtschaft und Betrieben eine umfassende Bildung und Förderung aller Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen behindern könnte, hat erheblich dazu beigetragen, dass sich die Schule nicht nur von Anforderungen der Wirtschaft, sondern auch von anderen Lebensrealitäten lange Zeit abgeschottet hat. Deswegen haben noch heute diejenigen mit Widerständen zu rechnen, die externe Anforderungen an Bildung als völlig legitim ansehen. Die entstandene Distanz zwischen der Schule und Wirtschaft geht aber letztlich zu Lasten der Jugendlichen. Ziel aller Bildung ist es, Menschen zu befähigen, ihr Leben zu gestalten und für sich und ihre gesellschaftliche Umgebung Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört für jeden Einzelnen auch, arbeits- und erwerbsfähig zu werden. Und zur Gesellschaft gehört als elementarer Bereich die Wirtschaft. Diese Erkenntnis umzusetzen und die Distanz zwischen den Systemen abzubauen, ist dringende Aufgabe für die Bildungspolitik und alle Beteiligten.

Schule und Betriebe müssen sich besser kennen lernen

Beide Systeme, Betriebe und Schulen wissen zu wenig voneinander. Betriebe sind oft enttäuscht in ihren Erwartungen an Auszubildende. Schulen wissen oft zu wenig von den Anforderungen, die mit den Veränderungen in der Wirtschaft und der Arbeitswelt verbunden sind. Betriebe sind oft zu wenig darüber informiert, was sich auch in der Lebenswelt von Jugendlichen verändert und was die Schule leisten kann. Sicherlich trifft das nicht für alle Beteiligten zu, aber es gibt zu wenig Kommunikation zwischen den verschiedenen Lebenswelten.

„Von Ihrer Schule können wir seit Jahren keine Schulabgänger als Auszubildende einstellen, sie erfüllen im sprachlichen und im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nicht unsere Anforderungen.“ – „Wenn Sie wüssten, unter welchen Bedingungen wir zu arbeiten haben, 50% Anteil von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft, ständig weniger Geld und steigende Belastung…“ “Ihre Anforderungen sind zu hoch, sie sollten Schulabgängern mit durchschnittlichem Abschluss eine Chance geben.“ Dieses Streitgespräch ist typisch zwischen Ausbildern und Lehrkräften und spielte sich kürzlich bei einem Treffen zwischen einer Schule und einem Betrieb auch genau so ab.

Diese negative Kommunikationsspirale wird seit Jahren unproduktiv von beiden Seiten gepflegt, es ist an der Zeit, ihr eine produktive Wende zu geben. Das beschriebene Streitgespräch wird jetzt in einem gemeinsamen Seminar von Ausbildern und Lehrkräften fortgesetzt, dies ist Bestandteil eines Kooperationsvertrages zwischen der Schering AG und der Ernst-Schering-Oberschule in Berlin. Beide Seiten wollen sich über ihre gegenseitigen Anforderungen an Standards und Leistungserwartungen klar werden.

Es gibt derzeit einige Projekte, die das Verhältnis von Schule und Wirtschaft verbessern wollen. Dies ist auch die Reaktion auf eine jahrzehntelange Entwicklung, die eher auseinander driftete, und das ist gut so.

Die Industrie-und Handelskammer Berlin hat seit April des vergangenen Jahres eine Initiative gestartet, um Schulen und Betriebe in Berlin in einen besseren Kontakt miteinander zu bringen. Sie möchte dazu beitragen, dass sich das Wissen und die Informationen beider übereinander verbessern, und nach Möglichkeiten suchen, die Kooperation zwischen Schulen und Betrieben zu intensivieren.

Schwerpunkte des Projekts – bessere Berufsvorbereitung und regionale Bezüge

Das Projekt der IHK Berlin „Partnerschaft Schule-Betrieb“ arbeitet grundsätzlich auf der Ebene der Freiwilligkeit, Voraussetzung ist die jeweils eigene Motivation zur Kooperation. Es wendet sich an Schulen, die für ihre Jugendlichen die Chancen vergrößern wollen, einen Ausbildungsplatz zu finden und einen realitätsnäheren Unterricht zu gestalten, sowie an Betriebe, die an einem möglichst frühen Kontakt mit Schulen interessiert sind. Es gibt kein einheitliches Konzept für alle Schulen und Betriebe, sondern als Pilotprojekt wird mit Schulen und Betrieben ihre jeweilige Kooperationsvorstellung herausgefunden und in Vorhaben umgesetzt.

Bei den Konzeptionen, die bisher von den Schulen erarbeitet wurden, stellen sich im Wesentlichen drei verschiedene Varianten heraus:

1.) Eine bessere Berufsvorbereitung durch Nutzung der Betriebe als Lernort für Schülerinnen und Schüler

Die Partner arbeiten an der Veränderung der Konzeption von Betriebspraktika und wollen diese kontinuierlich in der Sekundarstufe I anbieten und suchen dafür feste Ansprechpartner in Betrieben.

2.) Kooperationsbeziehungen zu Betrieben im regionalen Umfeld

Hierbei ist beabsichtigt, durch einen gegenseitigen Austausch den Unterricht realitätsbezogener zu gestalten, und Betriebsangehörige in den Unterricht einzubeziehen. Der Schulbezirk soll als Wirtschaftsstandort kennen gelernt und zu genutzt werden. Aber auch Betriebe sollen die Gelegenheit erhaolten, sich über die Schule besser zu informieren und mit ihr gemeinsam pädagogische Konzeptionen zu beraten. Hierzu gehören auch alle Ansätze einer stärkeren Zusammenarbeit von Schülerfirmen und Umfeld. Mit diesem Verfahren entstehen lokale Netzwerke zwischen Betrieben und Schulen, die vor allem durch kurze Wege die Kontakte erleichtern.

3.) Unterstützung der Schülerinnen und Schüler bei bestimmten Aufgaben

Gemeint ist z.B. der Umgang mit neuen Medien, den Informations- und Kommunikationstechnologien. Hierdurch soll sowohl die Kenntnis über Veränderungen in der Arbeitswelt verbessert werden als auch mehr Kenntnis und realistischere Orientierung bei Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern erreicht werden.

Kooperation hat zwei Seiten

Alle Konzepte gehen davon aus, dass eine Zusammenarbeit nur fruchtbar sein wird, wenn beide Seiten einen Gewinn davon haben. Neben den Forderungen an den Kooperationspartner muss jeder etwas einbringen, was für den jeweils anderen interessant ist. Die Angebote der Betriebe sind z.B. die Teilnahmemöglichkeit von Schülerinnen und Schülern an Teilen der Ausbildung, Betriebserkundungen, Vertreter des Betriebes. Auszubildende können im Rahmen des Unterrichts über Anforderungen in der Ausbildung referieren und Bewerbungstraining anbieten sowie als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Schüler können ihre Bewerbung im Betrieb erproben, weibliche Ausbilder können vor allem mit Schülerinnen über die Ausbildung sprechen und zu Berufen in naturwissenschaftlich/technischen Bereichen ermuntern. Es können Seminare für Lehrkräfte angeboten werden zu Veränderungen der Arbeitswelt, zu fachlichen und persönlichen Anforderungen an die Mitarbeiterauswahl. Gemeinsame Seminarevon Ausbildern und Lehrkräften über Unterrichtsmethoden können durchgeführt werden, z.B. über Multimedia-Einsatz im Unterricht; Methoden für selbst gesteuertes Lernen. Lehrkräfte können im Betrieb hospitieren (Kurzpraktikum).

Auch die Schulen müssen in ihren Konzepten Vorschläge machen, was sie Betrieben anbieten können. Es ist erstaunlich, was Schulen einfällt, welche Stärken sie haben, die für Angebote an Außenstehende attraktiv sind. So tauchen als Angebote auf: Fortbildung mit Ausbildern über neue Lehr- und Lernmethoden, z.B. produktorientierter Gruppenunterricht, Nachhilfe für Auszubildende in allgemein bildenden Fächern, Sprachunterricht für Firmenangehörige, Nutzung der Schulräume durch die Firma, Ansprechpartner für Drogenberatung, Mediationstraining (Konfliktlotsenausbildung), Gewaltprävention. Vor allem im künstlerischen Bereich kann sinnvoll zusammen gearbeitet werden. Schülerarbeiten können in Betrieben ausgestellt werden, Gestaltung der Betriebszeitung, z.B. werden von Schülerinnen und Schülern hergestellte Kalender von einer Firma angekauft und als Geschenke weitergegeben, Musikgruppen können Feste mitgestalten und vieles mehr.

Deutlich wird bereits bei gemeinsamen Sitzungen z.B. von Ausbildern und Lehrkräften, wie sinnvoll und überfällig es ist, dass sich beide Seiten von der Kommunikation gegenseitiger Vorwürfe weg und hin zu einer produktiven Verständigung über Leistungsanforderungen und Standards entwickeln. Die bildungspolitische Diskussion seit den Ergebnissen der TIMS-Studie und anderen Leistungsvergleichen hat deutlich gemacht, wie notwendig diese Verständigung darüber ist, welche Standards in der Schule erreicht werden sollen und über die Aussagekraft von Abschlüssen. Eine zentrale Kritik z.B. am mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht ist die mangelnde Orientierung an der Anwendung und die mangelnde Wirkung in der Befähigung von Schülerinnen und Schülern, wirklich naturwissenschaftliches Verständnis und problemlösende Fähigkeiten zu erwerben. Auch hier kann eine Kooperation zwischen Betrieben und Schulen ansetzen. Die Vereinbarung zwischen der Ernst-Schering-Oberschule und der Schering AG sieht z.B. vor, dass Mitarbeiter der Firma und Lehrkräfte die Anwendungsorientierung von Aufgaben prüfen. Firmenangehörige können auch Teile des Unterrichts übernehmen und Lehrkräfte Praktika in der Firma durchführen. Zwischen einer anderen Schule und einem Betrieb wurde gerade vereinbart, dass projektorientierte Aufgaben aus der betrieblichen Ausbildung im naturwissenschaftlichen Wahlpflichtunterricht ebenfalls probiert werden.

Verbindlichkeit der Kooperation

Die IHK hat in die halbjährliche Konjunkturumfrage an Berliner Betriebe die Frage aufgenommen: „Sind Sie an einer Kooperation mit Schulen interessiert?“ Bisher haben darauf 80 Unternehmen positiv reagiert. Derzeit melden sich schon weitere. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IHK sind von Anfang an in den Schulen dabei, lernen deren Ziele und Arbeitsweise kennen und suchen nach geeigneten Betrieben für die Schulen.

Mittlerweile arbeiten fünfzehn Schulen und zahlreiche Betriebe im Projekt mit. Zwischen Schulen und größeren Betrieben wird der Abschluss von Kooperationsvereinbarungen angestrebt. Dies hat für beide Seiten den Vorteil, dass jeweils mehrere Personen und die Leitungsebenen fest eingebunden sind und das Projekt mittragen. Anders funktioniert es auch nicht. Eine verbindliche und kontinuierliche Zusammenarbeit ermöglicht Rückmeldungen. Betriebserkundungen, Praktika, Vorträge von Firmenvertretern sind in vielen Schulen selbstverständlich. Sie bleiben aber häufig für die Beteiligten nur punktuelle Ereignisse. Welche Erfahrungen Schüler im Praktikum machen, wird oft noch im Unterricht nachbearbeitet, welche Erfahrungen aber der Betrieb macht, meistens nicht. Dies ergibt sich, wenn sich die Ansprechpartner kennen und auch ein gewisses Vertrauen gewinnen. Damit werden Lernprozesse ermöglicht, die das Verhältnis von Fremd- und Selbstwahrnehmung sowohl der Lernenden als auch der Lehrenden entscheidend verbessern können.Die ersten Kooperationsvereinbarungen zwischen Betrieben und Schulen, die eine solche intensive Zusammenarbeit vorsehen, sind unterzeichnet, weitere sind in Arbeit.

Wunschlos glücklich – ein Leben ohne Sponsoring?

Die bisher abgeschlossenen Kooperationsverträge zwischen Schulen und Betrieben sehen auch mehr oder minder große Sponsorenleistungen vor, angefangen von Sachmitteln, die für den Arbeitslehreunterricht verwendet werden können, PC-Spenden und Geldspenden für den Förderverein. Diese bewegen sich bisher zwischen 1000 und 10000 DM jährlich, je nach Finanzkraft und Zahlungsbereitschaft des Betriebes. Eine Schule hat sich im Vertrag auf folgende Verwendung festgelegt: „Die Schule wird damit Projekte finanzieren, die möglichst viel Eigenaktivität von Schülerinnen und Schülern anregen und deutlich die schulische Arbeit verbessern. Dies kann z.B. die Verschönerung des Schulhofes sein, die Anschaffung besonderer Materialien für Arbeiten im Kunstbereich, Honorare für außerschulische Personen. Über die Projekte wird im Rahmen der Vereinbarung berichtet und die Kosten werden nachgewiesen.“ Weiteren Einfluss auf die Verwendung der Mittel nimmt der Betrieb nicht.

Mit dem Sponsoring wird sehr schnell unzulässige Beeinflussung, Privatisierung von Bildung assoziiert. Die Gefahren sollen hier überhaupt nicht geleugnet werden. Aber ist ein Leben ohne Sponsoring so verteidigenswert? Könnten mehr staatliche Mittel diese Zusatzleistungen überflüssig machen? Noch zu keiner Zeit war die Schule der Meinung, dass sie wirklich das Geld bekommt, das sie braucht. Auch wenn die Prioritäten in den öffentlichen Haushalten ganz entschiedener auf die Bildungshaushalte gelegt werden sollten, wofür wir uns alle und immer einsetzen sollten, ist die Notwendigkeit der Haushaltskonsolidierung von keinem vernünftigen Menschen zu bezweifeln. Ein weiterer Gesichtspunkt spricht für Sponsoring. Fast alle an Bildung Beteiligten beklagen, dass ihre Einrichtungen in der Politik und in der Gesellschaft nicht genügend wert geschätzt würden. Hängt es möglicherweise aber genau mit unserer Vorstellung von unabhängiger Bildung zusammen, dass die Schule von ihrem gesellschaftlichen Umfeld nicht als gesellschaftlich wichtige Einrichtung betrachtet wird? Die Schule ist zu wenig gesellschaftlich eingebettet. Warum soll eine Gesellschaft diese Einrichtung wert schätzen, wenn sie wenig Bezüge und auch wenig Einflussmöglichkeiten hat. Ein System, das sich abschottet, braucht sich nicht darüber zu beschweren, wenn es mit den Folgen konfrontiert wird.

Auch und gerade deswegen müssen alle Wege gesucht werden, dass die Gesellschaft sich ihre Bildungsinstitutionen zurückerobert. Es sollte örtliche Bildungsräte oder Bündnisse geben, die sich für ihre Schulen verantwortlich fühlen. Dies sollte dadurch gestützt werden, dass in schulischen Gremien auch Vertreter aus der Kommune, der örtlichen Wirtschaft, aus Umweltverbänden und Nachbarschaftsinitiativen sitzen und Einfluss nehmen. Die Schulen sollte von sich aus geradezu solche Bündnisse anstreben, die ihr eine regionale Verankerung bescheren. Dieser Prozess der Öffnung sollte auch zu einer anderen Pädagogik führen, die außerschulische Lernorte regelmäßig einbezieht und Dritte in die Schule und in den Unterricht holt.

Wenn solche Bündnisse auch mit Sponsoring gepolstert werden, umso besser – der Schule kann dies nur gut tun. Dann würde sich ihre größere Wertschätzung auch materiell niederschlagen.

Im Berliner Projekt hat sich bisher nicht die häufig geäußerte Befürchtung bestätigt, dass die Sponsoren eher die bürgerlichen Viertel und ihre Schulen bevorzugten. Unter den fünfzehn beteiligten Schulen befindet sich ein Gymnasium, die anderen sind Gesamtschulen und Haupt- und Realschulen in den Bezirken Wedding, Tiergarten, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Hellersdorf – alles nicht gerade gut situierte Standorte.

Es ist zu hoffen, dass das Projekt davon lebt, dass gute Beispiele ihre Nachfolger finden und sich viele Schulen und Betriebe anschließen, letztlich sollte es in Berlin und natürlich im gesamten Bundesgebiet eine Selbstverständlichkeit werden, dass aus Schulen und Betrieben Partner in der Erziehung und Ausbildung von Jugendlichen werden.

Sybille Volkholz, Jg. 1944,ist von der Ausbildung her Lehrerin, koordiniert derzeit für die IHK Berlin das Projekt „Partnerschaft Schule-Betrieb . Adresse: Melanchthonstr. 19, 10557 Berlin