Lehrer in die Schule

TAZ 12. November 2002

NEBEN IHRER MANGELHAFTEN AUSBILDUNG BELASTET LEHRER IN DEUTSCHLAND VOR ALLEM DIE UNPROFESSIONELLE ORGANISATION IHRES BERUFSALLTAGS. DARUNTER LEIDEN AUCH IHRE SCHÜLER

„Deutsche Lehrkräfte haben die zweithöchsten Einkommen auf der Welt, während ihre Unterrichtsverpflichtungen im Mittelfeld liegen. Es gibt keine wesentlich darüber hinausgehende Anwesenheitsverpflichtung, Schüler und Schülerinnen fühlen sich von ihren Lehrkräften wenig unterstützt. Dafür geht ein hoher Teil der Lehrkräfte vorzeitig aus dem Dienst“ – so haben einige Medien die Ergebnisse der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ 2002 zusammengefasst. In der Tat sind diese Überschriften dazu geeignet, alle Vorurteile gegen Lehrkräfte zu mobilisieren. Sind sie berechtigt? Woher kommt es, dass der Lehrerberuf in Deutschland trotz der hohen Einkommen wenig attraktiv für den Nachwuchs und wenig befriedigend für alle Beteiligten ist? Woraus resultiert die niedrige gesellschaftliche Anerkennung, die sich auch in einer solchen Medienberichterstattung niederschlägt?

Untersuchungen zur Arbeitszeitbelastung von Lehrern weisen darauf hin, dass sowohl ihre zeitliche wie auch ihre physische und psychische Belastung überdurchschnittlich hoch sind. Offensichtlich gibt es Faktoren, die die vermeintlichen Vorteile des Berufs zu Belastungen ummünzen. Jenseits der vorurteilsbeladenen Diskussion über die angeblich „faulen Säcke“ müssen die wesentlichen Mängel des Berufs benannt werden, die einen effektiven Unterricht behindern. Gravierende Ursachen liegen in einer verfehlten Ausbildung, einem falschen Berufsverständnis und in methodischen Mängeln der Berufsausübung.

Die Ausübung des Berufs ist nicht wissenschaftlich fundiert. Lehrer haben zwar eine hoch fachwissenschaftlich orientierte Ausbildung, aber Wissen darüber, auf welche Art Kinder und Jugendliche am besten lernen können, erwerben sie nicht. Ihre Ausbildung befähigt die Lehrkräfte nicht zu dem, was das Kerngeschäft ihrer Tätigkeit sein müsste, nämlich Lernprozesse von Kindern und Jugendliche zu initiieren, zu unterstützen und ihre nachhaltige Wirkung beurteilen zu können.

Die in Deutschland vorherrschende Unterrichtsmethode, das fragend entwickelnde Lehrer-Schüler-Gespräch, ist die ineffektivste und gleichzeitig aber auch die anstrengendste Art des Unterrichtens. Die Lehrkraft hat mit ihren Fragen die SchülerInnen am kurz gehaltenen Gängelband. Diese ständige Nähe erfordert die dauernde geistige Präsenz der Lehrkraft, erreicht aber nur den kleinen Teil der Schüler, für die der gewählte Leistungslevel passt. Die guten (und dadurch zu schnellen) Schüler stören, die langsamen fallen bei diesem Prozess aus dem Unterricht heraus. Diese Methode lässt den SchülerInnen keinen Raum, selbsttätig – auch auf Umwegen – Lösungen für gestellte Probleme zu suchen, und hat damit auch nur eine begrenzte pädagogische Wirkung.

Die Begrenzung des Unterrichts für SchülerInnen und Lehrkräfte auf den Vormittag wirkt als zusätzlicher Stressfaktor, denn sie lässt kaum Möglichkeiten für Unterrichtsformen, die mehr Schüleraktivitäten fordern. Zudem bleibt zu wenig Zeit, um in Ruhe nacharbeiten zu können. Das, wofür andere Länder erheblich mehr Raum lassen, wird in Deutschland in einige Stunden am Tag gepresst. Als Folge haben wir hier einen hohen Anteil privaten Nachhilfeunterrichts und eine hohe Unzufriedenheit bei SchülerInnen und Eltern wegen mangelnder Unterstützung durch die Schule.

Die Lehrerrolle ist vorwiegend als die des individualistischen Fachmenschen definiert, der für sich und seinen Unterricht verantwortlich ist und die Klassentür geschlossen hält. Damit bleibt der gegenseitige Austausch über Leistungsstandards, Unterrichtserfahrungen, Erfahrungen im Einsatz von Materialien oder neuen Methoden außen vor. Was auf der einen Seite als Schutz erlebt wird, bedeutet gleichzeitig Isolation: Alle Studien über Belastungen im Beruf machen gerade diesen Faktor für Stress und Frustration verantwortlich.

Kommunikation und Kooperation können entlasten und Sicherheit geben. Sich gemeinsam über Standards zu verständigen, sich über SchülerInnen, deren Probleme, Schwächen und Stärken auszutauschen, für Jugendliche auch nach dem Unterricht noch zur Verfügung zu stehen, das alles mag auf den ersten Blick zeitaufwändiger sein; der mentale Entlastungseffekt kann aber groß sein. Mit einer besseren Arbeitsteilung zur Unterrichtsvorbereitung und Materialbeschaffung kann zusätzlich Belastung reduziert werden.

Internationale Erfahrungen, etwa in Schweden, bestätigen die positiven Wirkungen, die mit einer Präsenzzeit von Lehrkräften verbunden sind. SchülerInnen stehen im Mittelpunkt, Lehrkräfte machen sie zum Gegenstand ihrer Beratung – das Ergebnis sind bessere Schülerleistungen und weniger Burn-out-Syndrome bei Lehrkräften.

In Finnland basiert die hohe gesellschaftliche Anerkennung von Lehrkräften auf dem großen Vertrauen in die Leistungen der Schule. Damit korrespondiert eine hohe Verantwortungsbereitschaft von Lehrkräften und Schulen; sie fühlen sich für die Leistungen der SchülerInnen zuständig und legen darüber auch öffentlich Rechenschaft ab. Sich selbst als zuständig für die Ergebnisse zu erklären ist sowohl eine Aufwertung der eigenen Tätigkeit in der Selbstwahrnehmung als auch Grundlage für eine größere gesellschaftliche Wertschätzung.

Nur wer sich selbst und seine Arbeit wertschätzt, ihr eine große Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen zumisst, wird auch gesellschaftliche Ankerkennung erwarten können. Die Überzeugung von der Wirksamkeit des eigenen Tuns ist der beste Schutz gegen das Burn-out-Syndrom.

Notwendig zur Verbesserung nicht nur des Images ist eine eindeutige Professionalisierung des Lehrberufs. Dazu gehört eine Ausbildung, die eine wissenschaftliche Grundlage für pädagogische Prozesse bietet.

Dazu gehört eine Bildungspolitik, die auch Lehrkräfte und Schulen nicht am kurzen Gängelband hält, sondern eindeutig die Ergebnisse – in Form von erwarteten Schülerleistungen – formuliert. Den Schulen und Lehrkräften muss die Verantwortung dafür übertragen und es muss ihnen die Freiheit überlassen werden, die Wege dahin selbst zu beschreiten.

Die Debatte um Arbeitsbedingungen an der Schule konzentriert sich leider immer wieder auf die Frage von einer Stunde mehr oder weniger Unterrichtsverpflichtung, ohne den entscheidenden Faktor – nämlich die tatsächliche Arbeitszeit und ihre Belastungsfaktoren – in den Fokus zu nehmen.

Es ist also wichtig, die negative Arbeitszeitstruktur von Lehrkräften zu verändern. Lehrerverbände verteidigen mit Zähnen und Klauen, dass nur die Unterrichtsverpflichtung formell geregelt wird und der Anteil an individuell verfügbarer Zeit möglichst groß bleibt. Dies ist ein zentraler Fehler, besteht doch in diesem vermeintlichen Vorteil ein gravierender Belastungsfaktor. Hier sind die Lehrerverbände und Gewerkschaften gefordert. Solange sie gegen jede Form von Präsenzzeit Sturm laufen, wird sich an ihrem Stress nichts ändern. SYBILLE VOLKHOLZ