Organisierte Verantwortungslosigkeit

Dieser Text erschien leicht gekürzt unter folgendem Titel am 19. April 02 im Tagesspiegel

Dass die PISA-Erhebung in Berlin nachgebessert werden muss, da der Rücklauf aus den Schulen nicht für die Repräsentativität der Aussagen ausreichte, ist kein Skandal, aber ein großes Ärgernis. Vor allem legt es deutlich an den Tag, woran Berlins Schule krankt, nämlich daran, dass auf allen Ebenen zu viele Menschen sitzen, die nicht engagiert genug ihre Arbeit ernst nehmen und sich für eine Aufgabe zuständig und rechenschaftspflichtig fühlen.

Ohne Zweifel ist es schwierig, „bildungsferne“ Eltern dazu zu bekommen, ihre Fragebögen oder Einverständniserklärungen  zurückzusenden, trotzdem hätte der Rücklauf besser sein können, wenn schon auf der Schulebene diese Erhebung ernster genommen worden wäre. Eltern, die die Bildung ihrer Kinder nicht ernst genug nehmen und sie nicht ausreichend unterstützen, Schulen, die eine Überprüfung ihrer Arbeit als lästige Zusatzaufgabe betrachten und nicht als Quelle von Anstößen zur Weiterentwicklung der eigenen  Arbeit, eine Schulaufsicht, die diese Aufgabe nicht engagiert verfolgt und eine Schulpolitik, die ebensolches zulässt, alle gemeinsam tragen zu einem solchen Debakel bei.

Von der Schulverwaltung war es bis zum Frühjahr 2000 nicht einmal für nötig gehalten worden, alle Schulleiter zu einer Informationsveranstaltung über die bevorstehende PISA –Untersuchung einzuladen. Berlin war übrigens das einzige Bundesland, das das Angebot des PISA-Konsortiums dazu ausgeschlagen hatte. Damals sprang Bündnis 90/Die Grünen in die Bresche und lud im Februar 2000 ein, um Sinn und Konstruktion dieser Erhebung vorzustellen und dafür zu werben.

Die PISA-Erhebung wurde in Berlin teilweise mit demselben Schlendrian bearbeitet, wie vieles andere und im normalen business as usual untergepflügt.

Wohlgemerkt: Für einen großen Teil von Schulen und Personen trifft dieser Vorwurf nicht zu, aber doch für so viele und zu viele, mit der Folge, dass nun nachgebessert werden muss.

In Hamburg war ein teilweise organisierter Boykott notwendig, um die Untersuchung ernsthaft zu behindern, was dumm genug ist. In Berlin reicht die normale organisierte Verantwortungslosigkeit im System, um das Unternehmen scheitern zu lassen.

Wer immer reklamiert, dass an Bildung nicht gespart werden darf, muss ein hohes Interesse daran haben, dass alle Beteiligten sich sorgsamer darum bemühen, dass mit den Ressourcen sorgsam umgegangen wird, und Qualitätssicherung und –entwicklung zum ureigensten Anliegen aller Beteiligten wird. Dazu gehört eine Evaluationskultur, die Klassentüren aufsperrt und  die Bereitschaft, sich in die Karten gucken zu lassen. Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern haben einen Anspruch darauf, über den Stand ihrer Leistungen informiert zu werden, die Öffentlichkeit  kann legitimerweise über die Wirksamkeit der Verwendung ihrer Steuergelder Auskunft verlangen, von daher braucht es Transparenz im System und PISA ist dazu ein guter Ansatz.

Jeder hat ein Recht auf eine zweite Chance, auch die Berliner Schule bei der PISA-Untersuchung, aber diese muss jetzt auch genutzt werden.