Prima Klima

Nur begabte Kinder sind gute Schüler? Stimmt nicht, das haben Schulen im Ausland längst erkannt. Sie fördern junge Leute einfach anders. Besser. Eine gute Atmosphäre ist wichtig, Motivation durch Wertschätzung, Unterricht mit klaren Normen – und pädagogischer Optimismus. Von Sybille Volkholz

Vor zehn Jahren war alles anders: Die vorherrschende Meinung lautete, das Ausland könne eher von uns lernen. Das deutsche Schulsystem galt in Deutschland als etwas Besonderes, das Gymnasium als Weltelite verdächtig. Auch aus diesem Grund waren in der TIMS-Studie deutsche Schulen für Video-Beobachtungen ausgesucht worden, vermutete man doch hier besonders gute Beispiele von gelungenem Unterricht. All diese Überzeugungen sind durch die Ergebnisse der internationalen Schülerleistungsvergleiche TIMSS, Pisa und Iglu gründlich ins Wanken geraten.

Aus der großen Diskrepanz zwischen den Erwartungen und den tatsächlichen Ergebnissen erklärt sich vermutlich auch die große Aufgeregtheit, mit der bei uns über die Folgen aus diesen Vergleichen debattiert wird. Zumindest wird jetzt häufiger der Blick auf ausländische Schulen gerichtet – und dieser Effekt hat sein Gutes. Schon in der TIMS-Studie haben die Forscher darauf hingewiesen, dass z.B. in japanischen Schulen wenig mit Begabungstheorien gearbeitet wird, während sie hierzulande zur Alltagstheorie gehören. Sie dienen zur Begründung für die Schulstruktur und leiten den Blick von Eltern darauf, was denn das Kind so mitbringt. Für die praktische Arbeit in der Schule sind Hinweise auf genetische Unterschiede insofern folgenreich, als Lehrkräfte den unterschiedlichen Leistungsstand von Schülern und Schülerinnen eher auf Begabung denn auf das pädagogische Wirken zurückführen und sich damit von der Verantwortung für die Ergebnisse des Unterrichts entlasten. An kanadischen und skandinavischen Schulen gilt vielmehr der Grundsatz: Jedes Kind kann und will lernen und wir müssen es dabei unterstützen. Diese positive Erwartungshaltung birgt bereits eine völlig andere Grundlage für die pädagogische Arbeit und ist möglicherweise der Schlüssel zum Erfolg.

Die Schule in Kanada versteht sich als Schulgemeinschaft. Wohlbefinden, Sicherheit und Geborgenheit der Schülerinnen und Schüler spielen eine ebenso große Rolle wie der Unterricht. Es ist auffällig, wie viel Wert auf gutes Schulklima gelegt wird. Anerkennung, Lob und positive Verstärkung gehören zur pädagogischen Grundausstattung. Schülerinnen und Schüler wie auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten sind von großer Bedeutung für Lernprozesse und werden entsprechend beachtet. Es wird sehr viel mit Diagnoseverfahren gearbeitet, um Stärken und Schwächen der Schüler herauszufinden – aber eindeutig immer mit dem Ziel der Förderung. Jedes Kind ist willkommen und hat seinen Platz in der Schule. Der Besuch in einer Stockholmer Schule mit einem Anteil von 95 Prozent Migranten machte deutlich, wie eine Schule ihre Jugendlichen annehmen kann. Die Schule arbeitet viel mit Tanz und Musik, um den Jugendlichen, die noch unzureichend Schwedisch sprechen, Möglichkeiten zu geben, sich auszudrücken. Die Wertschätzung, die Kindern und Jugendlichen entgegengebracht wird, die Bereitschaft auf ihre Bedürfnisse und Voraussetzungen einzugehen, ist eine wesentliche Voraussetzung für deren Erfolge. Der respektvolle Umgang wird gepflegt. So freundlich das Klima ist, so sehr ist es auch von klaren Regeln beherrscht, die gemeinsam in der Schule erarbeitet und als Konsens getragen werden. Diese Disziplin ist Ergebnis harter Arbeit. Kanadische Schulen machen vor, dass kognitive Leistungen und soziales Lernen kein Gegensatz sind, sondern sich geradezu bedingen. Verantwortungsübernahme für ein gutes Schulklima wird jedem Kind vom Schulstart an mit der Schulmilch eingeflößt. Ein guter Kumpel zu sein, ist schon für Elfjährige erstrebenswert. Sie bewerben sich, geben an, dass sie zuverlässig sind, ehrlich, andere Kinder respektvoll behandeln, einfallsreiche Spiele können und dürfen dann die Patenschaft für ein Kindergarten-Kind übernehmen und in der Pause mit ihm spielen. Ältere Schüler lesen und arbeiten mit jüngeren. Dies gehört in kanadischen Schulen zum normalen Stundenplan – offensichtlich mit gutem Erfolg für alle Beteiligten. Ein Schüler muss bis zum Schulabschluss mindestens 40 Stunden freiwillige Arbeit nachweisen. Entsprechend groß ist auch die Bereitschaft von Erwachsenen, als Freiwillige in der Schule zu helfen. Steht bei uns der Stoff im Vordergrund, der seine Motivation aus sich selbst heraus erzeugen soll, geht der kanadische Unterricht sehr viel mehr von der Person der Schüler aus. In der Lerngruppe der neuen Migranten wird vom Herkunftsland, der Familie und besonderen Vorlieben berichtet. Schüler erforschen den persönlichen Hintergrund ihrer Mitschüler im Gespräch und schreiben Geschichten wie „Mein erster Kulturschock“. Die Unterrichtsgegenstände haben einen größeren Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen und die Beschäftigung damit ist für sie unmittelbar einsehbar.

Für Kanadische Schüler ist es selbstverständlich, dass sie sich anstrengen und ihr Bestes geben. Der Name des „student of the week“ wird im Klassenzimmer ausgehängt. Hierzulande würde es an „Unsere Besten“ aus DDR-Zeiten erinnern oder von Schülern als peinlich empfunden – ist doch die Angst davor, Streber zu sein oft größer als der Wille, Höchstleistungen zu erzielen. Klare Leistungsnormen und Standards gepaart mit langen Traditionen der Überprüfung durch externe Tests haben im Ausland auch für einen Konsens zwischen Eltern, Kindern und Schule geführt. Auch dies ist vermutlich eine Grundlage dafür, warum die Leistungen besser sind.

Von der Schulverwaltung bis zur Schulleitung, Lehrkräften und Schülern, vor allem auch Eltern, sind die Verantwortlichkeiten klar geregelt. Verantwortung und Rechenschaftspflicht gehören für jeden zur Definition der eigenen Aufgaben. Alle lassen sich in die Karten gucken. Es stehen nicht nur die Klassentüren offen, auch der Entwicklungsplan für den Schuldistrikt, alle wesentlichen Daten sowie der Haushalt stehen im Netz, genauso wie die Daten über die Schule. Die klare Zuteilung von Verantwortlichkeiten führt wohl auch dazu, dass die Lösung der Probleme für die Beteiligten klar im Vordergrund der Arbeit stehen. Kooperationen sind offensichtlich dann leichter möglich, wenn sie auf ein klares Ziel, nämlich die beste Förderung der Kinder, gerichtet sind. Problemlösung kommt vor Klärung der Zuständigkeitsfrage. Das führt wohl auch dazu, dass sowohl die Schulverwaltung wie auch die Schulen mit großem Pragmatismus an ihre Aufgaben herangehen. Schuldzuweisungen an Dritte, bei uns eine beliebte Argumentationsfigur, sind eher selten.

Kanadische Schulen sind in ihre Kommunen fest eingebettet, Bestandteil des öffentlichen Lebens. Es bestehen vielfältige Netze zu Unternehmen und anderen Einrichtungen. Das Volunteer Center vermittelt Freiwillige, die den Schulen bei ihrer Arbeit helfen. Eine durchschnittliche Grundschule hat 30 bis 50 Freiwillige, die während der Woche zur Verfügung stehen. Die Kooperation mit Eltern ist ungleich enger, werden sie doch sehr ausführlich über das Curriculum des Jahres informiert, wöchentlich mit einem Newsletter über das Geschehen in der Schule versorgt. Die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen gehört zum selbstverständlichen Geschäft. Die Schule tut auch etwas für ihr gutes Ansehen. Service-Learning gehört in vielen Schulen zum Lehrplan. Wenn die Klasse 8c der XYZ-Schule in der Nachbarschaft den Schnee fegt und mit einem Klebezettel einen Gruß hinterlässt, hilft auch dies dem Ansehen der Schule sehr.

An den Blick ins Ausland wird (fast) immer die Erwartung geknüpft, auch die positiven Wirkungen der integrativen Schulsysteme hervorzuheben. Ohne Zweifel bietet eine Schule, die Schüler nicht abschiebt, mehr Förderungsmöglichkeiten und erhöht auch den Druck, die Kinder besser zu fördern. Doch mit der Unterschiedlichkeit von Kindern muss man pädagogisch klug umgehen können. Die Struktur ist ein Instrument, das förderlich oder hinderlich ist, sie ist kein Selbstzweck.

Verfestigte Zuständigkeiten und Ressortabgrenzungen verhindern, die Förderung eines jeden Kindes in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Eine positive Erwartungshaltung gegenüber Kindern und Jugendlichen, hohe Leistungserwartungen mit einem förderlichen Schulklima zu verbinden, Unterrichtsgegenstände mehr an der Lebenswelt zu orientieren, Konzepte sozialer Verantwortlichkeit und respektvoller Umgangskulturen zu entwickeln ist möglich – auch ohne große Umwälzungen. Doch dazu gehört die Bereitschaft, bei sich selbst mit den Veränderungen anzufangen. Dazu gehören mehr Pragmatismus und pädagogischer Optimismus.

Die Autorin, ehemalige Schulsenatorin, leitet das Bürgernetzwerk Bildung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller.